Johanna steigt in den Kindergarten ein

Lilypie Fourth Birthday tickers

Mittwoch, 26. August 2009

Das Betteln. Teil 2.

Wie es im Moment aussieht, Indien wird mit dem Touristenstrom nicht fertig. Natuerlich ist unser kurzer Blick einfach zu wenig, um sich ein Bild machen zu koennen. Wir sprachen darueber mit vielen Menschen - mit den Hotelangestellten, mit unserem Guide, mit den Kindern auf der Strasse... Aus den Laendern, die wir besucht haben, ist Indien das "verdorbenste" Land, obwohl nicht das aermste... Ich muss mich mehr darueber informieren.
Drei alte Frauen, bunt angezogen, Haende bemalt, sitzen im Garten eines Museumspalastes in Delhi , essen von den mitgebrachten Speisen und trinken und haben sichtlich Spass miteinander. Ich gehe vorbei. Die Frauen winken mir freundlich zu und zeigen, dass sie drei, die sich sooo lieb haben, fotografiert werden wollen. Ich krame meine Kamera heraus und knipse die Damen. Sie wollen sehen. Ich zeige. Die Gesichter veraendern sich und sie strecken mir sehr resolut die Haende entgegen. Hmmm. Bin ich provoziert? erpresst? geleimt, wie man das sagt? Das war keine gute Stimung und keine Freundlichkeit... Ich zeige ihnen das Foto nochmal und loesche es vor ihren Augen. Sie haben damit nicht gerechnet...

Wir gingen auf einer Strasse in Pushkar, uns entgegen kam eine schlanke huebsche junge Frau, mit gepflegten bunten Kleidern. Sie trug einen Buendel Gras auf dem Kopf - neben dem Tempel werden kleine Portionen davon als Leckerbissen fuer heilige Kuehe verkauft. Was fuer eine huebsche Frau! Eine solche Frau kann ihre Kinder und ihre Familie und die gesellschaft im Endeffekt tragen... (bitte nicht zu hoch aufgeseztz zu verstehen, das war so ein gedanke in diesem Moment). Ich knipste. In der naechsten Sekunde buchstaeblich veraenderte sich das stolze Gesicht. Es bekam eine weinerische Miene, die Frau fing an, mit einer Bettlerintonation zu sprechen mit allen anderen Gesten und Mimik... Eine solche "Verwandlung" war fuer uns und fuer Maria kaum zu begreifen...
Wir suchten nach einem Cafe o.Ae. Maria und ich wollten hineingehen, Josef wollte eben kurz in einen Tempel hineinschauen. Ein schmutziger Junge zupfte mich am Aermel. Madame, one Chapati! Only one Chapati! (Chapati ist ein Fladen, wie etwa ein duenner Pizzaboden). Das Geld hatte Josef bei sich. Der Junge wurde aufdringlicher und zeigte sogar auf eine Familie, die vor dem Tempel sass - er sei fuer sie "alle verantwortlich". Ich ging ins cafe. Ich habe Chapati auf der Speisekarte gesehen. Ich bat, fuer mich schnell sechs Chapatis zu backen.
Als sie ferstig waren, war der Junge und die anderen Menschen nicht mehr da... Schade...
Am naechsten Tag wollten wir noch kurz in die Stadt, den heiligen See kurz sehen, nur vom Weiten - wenn man hier als Auslaender nicht so gern gesehen wird... Maria und ich gingen im dichten Verkehr. Der Junge von gestern lief froehlich uns netgegen, mit einer grossen frischen Plastktuete, voll von kleinen Broten, ein wenig beschlagen, da die Brote warm waren. Er sah uns (Auslaender, andere Gesichter, erkannt hat er mich nicht) in der Menschenmenge. Automatisch verzog sich sein Gesicht. Die Hand zeigte zum Mund mit der "Hunger-Geste" und es kam wieder: "One chapati, Madame, only one chapati!"... Maria und ich schauten uns nur an...
Heute Morgen, bei der Abfahrt aus Jaipur, wollten wir den heilihen Kuehen, die sich neben dem Hotel niedergelassen haben, einige Kartoffeln schenken. Woher die Kartoffeln waren und warum ich sie mitgeschleppt habe, erzaele ich spaeter. Aber jetzt musste ich sie doch weggeben, da sie ja nach deutschland sowieso nicht duerfen. Im Strassendreck und Kuhmist versuchten wir, uns den Tieren zu naehern. Einen Jungen, 5 oder 6 Klase, mit dem Fahrrad habe ich auf der Ecke gesehen. Geplegte Schuluniform, geputzte Schuhe, ein wenig gegelte glaenzende Haare und eine Schultasche mit dem Schullogo, voller Buecher. Der Junge stoppte das Fahrrad. Ich dachte, er will uns etwas sagen... Hallo sagen? Von wegen. Ganz ungeniert und eher bestimmend: "Pencil, Madame!" Was? I have no pencil! Die nicht schmutzige Hand streckte sich mir entgegen. "Ten rupies, Madame" Das war mir zuviel am fruehen Morgen. Ich habe ihm gesagt, dass er gut lernen muss und nicht mit dem Betteln anfangen soll... Na, typisch Lehrer... Als ich Josef davon erzaelt habe, meinte er, ich sollte das Kind mitnehmen und mit ihm zur seiner Schule gehen und mit dem Klassenlehrer sprechen... Na, typisch Deutsch... Wenn dieses gepflegte Kind schon bettelt, was soll aus dem Land weiter werden? Wir koennen die Situation nicht begreifen. Das ist unsere schlimmste und unangenehmste Woche. Es wird immer wieder versucht, uns als Auslaender zu missbrauchen, bei den Restaurantbestellungen, bei den Versuchen, einige Souveniere zu kaufen, bei den "organisierten" Fahrten zu Sehenswuerdigkeiten - immer wieder geraten wir in die "Butterfahrt-Situationen". Auch wenn wir ausdruecklich absagen, versteht man hier ploetzlich kein Englisch, obwohl einige politische Themen einige Minuten zuvor im Gespraech waren und fuer sie das Vokabular ausreichte... Unser heutiger Guide, der uns peinlichst angelogen hat, verlangte nach der Fuehrung ein Monatsgehalt eines Hotelangestellten als Trinkgeld und fuehlte sich absolut wohl dabei. Die Situationen mit den "heiligen Maennern" hier sind sowieso ausser aller Rahmen, das muss ich spaeter erklaeren... peinlich einfach... mit Marihuana vertruebte Koepfe... peinlich... fuer uns unbegreifliche Verdorbenheit der Bevoelkerung ist einfach nicht zu uebersehen, egal, wohin wir gehen... Diese Kontraste und die Vergleiche mit unseren anderen ganz frischen Erfahrungen lassen uns den Aufenthalt in Indien so schnell wie moeglich beenden.

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